„Ich steh‘ den ganzen Tag am Gartenzaun und wackele lustig mit den Augenbrauen…“ (Helge Schneider)

 

Ich sitze – nein – ich fläze auf einem Liegestuhl, habe die Augen geschlossen und lausche. Direkt hinter mir zischt ein Gartenschlauch junge Kartoffeln an. Linkerhand versuchen zwei Kinder einen Hund davon zu überzeugen, über einen Stock zu springen. Und ganz weit rechts höre ich ein orchestral an- und abschwellendes Hämmern und Klopfen. Letzteres kommt bestimmt vom inzwischen auf Schloss-Neuschwanstein-Größe angewachsenen Bretterparadies „Bauspielplatz Wilder Westen“. Ein klein wenig hebe ich mein rechtes Augenlid und überprüfe meine Ahnung. Ja, es ist der Bauspielplatz. Um den soll es jetzt aber gar nicht gehen, sondern um das, was ich gerade vor mir sehe – jetzt sogar mit beiden Augen. Ich sehe viele kleine Beete, ein Stahlding, welches sich später als Lokbetankungsanlage herausstellen wird und vor allem einige junge und einige nicht mehr so junge Menschen, die offenbar gerade eine gute Zeit beim Umgraben und beim Stabilisieren von Tomaten haben. Ich entspanne mich im jüngsten Bürgergarten-Projekt von Leipzig – dem HildeGarten in Plagwitz.

 


Früher Lokbetankungsanlage, heute Sommerdusche.

 

„2009 fing alles an. Es wurde bekannt, dass die Stadt Leipzig Pläne mit der Brache am Plagwitzer Bahnhof hatte und dass es Gelegenheit gebe, sich selbst dort einzubringen – mit eigenen Ideen und Vorstellungen“, erinnert sich Toralf Zinner, langjähriger Stadtteilmitgestalter und Initiator des HildeGarten. Eine große Gruppe von Bürger*innen, Vereinen und Initiativen tat sich zusammen und ersponn gemeinsam über 70 Ideen, von denen ca. 15 den Umsetzbarkeitstest bestanden und beim Amt für Stadterneuerung und Wohnungsbauförderung (kurz ASW) als Gesamtkonzept eingereicht wurden. Eine dieser umsetzbaren Ideen war der Bürgergarten.

 

Die grüne Theorie hinter dem Konstrukt Bürgergärten und urbane Landwirtschaft im Leipziger Westen: Es gibt eine Fläche mit drei Bereichen. Diese Fläche wird von vielen Menschen unterschiedlich gärtnerisch gestaltet und verwaltet. Der erste Bereich sind die sogenannten „Schollen“, die von Einzelnen individuell beackert werden. Darüber hinaus gibt es eine gemeinschaftliche „Insel“, um gemeinsam und ohne sich vorher groß anzumelden Spaß zu haben und Zeit miteinander zu verbringen. Der dritte Bereich wird zur Umsetzung von Projekten und Workshops genutzt. Zinner weiter: „Bevor alles so richtig anfangen konnte, gab es einen Umsetzungsprozess.“ Der dauerte von 2009 bis 2015, also ganze sechs Jahre. Das hatte zur Folge, dass die Gruppe der Bürgergärtner*innen sich aufgrund von neuem Job, neuer Stadt, neuen Kindern immer mal wieder neu zusammensetzte. Dies sei bis heute der Fall, so dass es immer mal Phasen gebe, wo viel passiert und Phasen, in denen Prozesse eher stagnieren, weil zu wenige Leute sich einbringen können. Die Gruppe besteht derzeit aus circa 30 bis 40 Aktiven. „Der harte Kern“, so Zinner, „beschränkt sich jedoch eher auf eine Hand voll Menschen – hier darf sich gern noch mehr eingebracht werden, vor allem, was die Nutzung und Gestaltung der Gemeinschaftsfläche angeht.“

 

Die Finanzierung der Bürgergärten gestaltet sich recht vielschichtig. Da gibt es einerseits Sachspenden und kostenfreie Arbeitsaufwendungen von Firmen, z.B. für den Transport und Aufbau einer alten Stahleinhausung der Bahn als Wetterschutz. Kompostklo, Schuppen und Outdoorküche wurden mit viel Privatinitiative  im Sinne von erst Gedanken- und dann Muskelkraft auf die Beine gestellt. Die Stiftung „Ecken wecken“ hat eine alte Lokbetankungsanlage als Wasserdusche beigesteuert. Der offizielle Pächter des HildeGarten ist die DENKMALSOZIAL gGmbH, bei der Toralf Zinner Geschäftsführer ist.

 

Zeitsprung: 14. September – der Liegestuhl im HildeGarten ist nass. Ich fläze schon seit Wochen nicht mehr darauf. Der Sommer scheint vorbei zu sein. Ich schaue mich um – es ist viel passiert seit meinem letzten Besuch. Das Team eines internationalen Workcamps für Jugendliche packte zusammen mit den HildeGärtner*innen in der flirrenden August-Hitze kräftig mit an und so entstanden im Gemeinschaftsbereich u.a. eine „Kräuterschnecke“, neue Hochbeete, ein Gewächshaus oder auch ein neues Pflaster unterm stählernen Wetterschutz.

 

Jetzt ist Erntezeit – wer also Interesse hat, mal vorbei zu schauen ist herzlich willkommen! Noch toller wäre es natürlich für den HildeGarten, wenn aus dem Mal-Vorbei-Schauen ein regelmäßiges Engagement werden würde. „Die HildeGärtner*innen haben noch Platz zum Mitmachen“, so Toralf Zinner abschließend. Was zu tun wäre? Einfach mit Anpacken, Mitdenken, Spenden oder auch ganz konkret Helfen beim Aufbau und der Durchführung einer neuen Crowdfunding-Kampagne wären da so einige Möglichkeiten.

Interessiert?

Mehr Informationen und Kontakt hier:

Web: http://buergerbahnhof-plagwitz.de/HildeGarten

Mail: HildeGarten@buergerbahnhof-plagwitz.de

Oder einfach vorbei schauen! Offen ist immer, wenn jemand da ist.
Das ist fast immer nachmittags von Montag bis Freitag der Fall. Im Winter minder…

 


Nigelnagelneues Pflaster unterm geräumigen Wetterschutz.

(cb)

Schöner Warten im HildeGarten
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